Wissenschaftliche Begleitung

Modellprojekt „Bildungshaus 3 – 10“

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Wissenschaftliche Begleitung des Modellprojekts „Bildungshaus 3 – 10“: Ausgewählte Ergebnisse

Ausgewählte Ergebnisse der Wissenschaftlichen Begleitung zum Modellprojekt „Bildungshaus 3 – 10“ - Information für Entscheidungsträger (PDF)

Ziele der Wissenschaftliche Begleitung des Modellprojekts „Bildungshaus 3 – 10“

Ab 2008 wurden 33 Standorte des baden-württembergischen Landesmodells „Bildungshaus 3 – 10“ durch das ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Universität Ulm, wissenschaftlich begleitet. Die mit 7,5 Mio. Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Euro-päischen Sozialfonds der Europäischen Union geförderte „Wissenschaftliche Begleitung des Modellpro-jekts‚ Bildungshaus 3 – 10‘“ zielt darauf ab, den möglichen Gewinn des Modellprojektes festzustellen und her-auszuarbeiten, welche Bedingungen und Ressourcen zum Gelingen notwendig sind. Im Rahmen der Evaluation wurden zum einen die Prozesse an den Modellstandorten eng begleitet, dokumentiert und analysiert. Zum anderen wurde untersucht, ob und wie sich die Maßnahmen im „Bildungshaus 3 – 10“ auf die Entwicklung der Kinder, die Qualitätsentwicklung in den Bildungseinrichtungen, die Situation der pä-dagogischen Fachkräfte und Lehrkräfte und die Zufriedenheit der Eltern auswirken. Um das zu ermögli-chen nahmen 44 Grundschulen und 80 Kindergärten als Vergleichseinrichtungen an den Erhebungen teil.

Zur schnellen Orientierung: Wichtige Ergebnisse in aller Kürze

Innovationen im Bildungsbereich sollen der Entwicklung und Bildungsbiographie der Kinder dienen. Untersucht wurde die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung. Eine intensivierte Kooperation wie im „Bildungshaus 3 – 10“ wirkt sich fast durchweg positiv auf die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder aus. Im sprachlichen, schriftsprachlichen und mathematischen Bereich profitieren insbesondere die Kinder, die von familiärer Seite nicht so stark gefördert werden können (Details s. Abschnitt 1).

Die pädagogischen Fachkräfte und Lehrkräfte geben an, von der intensiven Kooperation im Bildungshaus zu profitieren. Trotz der zusätzlichen Aufgaben im Rahmen der Kooperation bewerten sie ihre Arbeits-situation positiver als Fach- und Lehrkräfte in den Vergleichseinrichtungen. Hierzu leisten die vom Kultusministerium und den Trägern der Kindergärten für die Bildungshausarbeit gewährten Deputats- bzw. Personalstunden einen Beitrag (Details s. Abschnitte 2-4).

Die Eltern von Bildungshauskindern sind zufriedener mit der Arbeit der Grundschulen als die Eltern von Kindern, die eine Schule an einem Vergleichsstandort besuchen. Bei den Kindergärten finden sich keine Unterschiede, hier erreicht die Zufriedenheit bei allen Eltern ein hohes Niveau (Details s. Abschnitt 6).

In den ersten Jahren des Landesmodells haben die Standorte tragfähige Strukturen erarbeitet. Mit zunehmender Erfahrung der Praktikerinnen und Praktiker verbesserte sich die pädagogische Qualität in den institutionsübergreifenden, jahrgangsgemischten Bildungsaktivitäten (Details s. Abschnitte 3-5).

1. Profitieren die Kinder von der intensivierten Kooperation?

Soziale und emotionale Entwicklung: Kinder, die ein Bildungshaus besuchen, sind aus Sicht der Eltern besser sozial eingebunden, emotional stabiler und weniger ängstlich als Kinder in Vergleichseinrichtun-gen. Beim Übertritt in die Schule wirkt sich das Bildungshaus positiv auf die von Eltern beobachtete Ängstlichkeit aus: Alle befragten Eltern beobachteten bei ihren Kindern ein halbes Jahr nach dem Wechsel in die Grundschule mehr ängstliche Verhaltensweisen als ein halbes Jahr davor. Bei Kindern im Bildungshaus ist die Zunahme in der Ängstlichkeit aber nicht einmal halb so stark ausgeprägt wie bei den Kindern der Vergleichsstandorte.
Die Einschätzungen der Schulkinder selbst sind zunächst weniger eindeutig. Erstklässler bewerten ihre Schulerfahrungen zunächst weniger positiv als Kinder in Vergleichseinrichtungen. Das ändert sich in der dritten und vierten Klasse. Am Ende der Grundschulzeit zeigen Kinder im Bildungshaus deutlich höhere Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft, haben eine positivere Schuleinstellung, fühlen sich besser sozial integriert und von den Lehrern angenommen und berichten über ein besseres Klassenklima als Kinder in Vergleichseinrichtungen.

Mathematik: Für den Umgang mit Zahlen zeigte sich in den Vergleichseinrichtungen im letzten Kindergartenjahr, dass Kinder, deren Mütter einen niedrigen oder keinen Schulabschluss haben niedrigere Werte erzielen als die Kinder, deren Mütter mindestens einen Realschulabschluss haben. In Bildungshäusern sind dagegen die Leistungen im Zählen und ersten Rechnen bei allen Kindern gleichermaßen hoch.

Sprache:
Im sprachlichen Bereich zeigen Kinder im letzten Kindergartenjahr bessere grammatikalische Fertigkeiten, wenn sie ihre gesamte Kindergartenzeit in einem Bildungshaus verbracht haben. Jungen, die sonst sprachlich den Mädchen etwas unterlegen sind, erreichen im Bildungshaus ebenso gute Werte im Satzgedächtnis wie Mädchen. Insbesondere profitieren Jungen, deren Mütter keinen oder einen niedrigen Schulabschluss haben. Da für das Satzgedächtnis auch Wortschatz und Grammatikkenntnisse wichtig sind, spiegeln sich hier umfassendere sprachliche Fertigkeiten wider.

Lesen: In Bildungshausschulen haben Kinder in der zweiten Klasse einen Vorsprung in ihrer Lesefertigkeit, die Kinder an den Schulen der Vergleichsstandorte holen aber im Laufe der Grundschulzeit auf. Einen positiven Effekt auf die Entwicklung Lesen über die zweite Klasse hinaus hat das Bildungshaus dann, wenn die Kinder in den Bildungshausaktivitäten häufig freien Zugang zu Büchern und Sprachspielen haben.

Zusammenfassung: Bezüglich der sozialen und emotionalen Entwicklung wirkt sich die intensive Kooperation im Bildungshaus überwiegend positiv für alle Kinder aus. Im mathematischen Bereich profitieren insbesondere die Kindergartenkinder, die von familiärer Seite nicht so stark gefördert werden können.

2. Welcher Gewinn ergibt sich für Fach- und Lehrkräfte aus dem Bildungshaus?

94% der pädagogischen Fachkräfte und Lehrkräfte bewerten den Austausch untereinander als wichtig. Die meisten Befragten geben an, von der Zusammenarbeit zu profitieren und mehr Verständnis für die andere Berufsgruppe und deren Arbeit entwickelt zu haben. Der Blick auf das einzelne Kind sei vielfälti-ger geworden und Lerninteressen der Kinder würden stärker einbezogen. Fach- und Lehrkräfte fühlen sich in schwierigen Situationen von der Kollegin bzw. dem Kollegen aus der anderen Berufsgruppe unterstützt.

3. Ist die Teilnahme am „Bildungshaus 3 – 10“ eine Belastung für Fach- und Lehrkräfte?

Leitungspersonen, die in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren befragt werden konnten, befassen sich schwerpunktmäßig mit den Auswirkungen des Bildungshauses und der Kooperation mit anderen Lei-tungspersonen. Die Beschäftigung mit der effizienten Umsetzung des Modellprojekts ist für sie weniger relevant. Wenn eine neue Leitungsperson in ein Bildungshaus einsteigt, rückt  die effektive Umsetzung wieder in den Fokus. Daraus kann man schließen, dass sich in der Kooperation übergeordnete tragfähige Strukturen entwickelt haben, die die Umsetzung unterstützen, dass aber Personalwechsel erneuten Klärungsbedarf nach sich ziehen.
Die Befragung der Praktikerinnen und Praktiker, die die konkrete Lern- und Bildungsaktivitäten gestalten, zeigt, dass diese immer wieder neu erarbeitet und angepasst werden müssen. Angesichts des Auftrags, die Heterogenität der Kinder zu berücksichtigen und Kinder individuell zu fördern, ergibt sich mit jedem neuen inhaltlichen Thema und jeder neuen Kindergruppe erneuter Planungs- und Gestaltungsbedarf.
Für die Bildungshauspraktikerinnen und -praktiker bleibt also ein erhöhter Entwicklungs- und Gestal-tungsbedarf auch nach Jahren der Zusammenarbeit bestehen.
Trotz der zusätzlichen Aufgaben fühlen sich Fachkräfte und Lehrkräfte, die in einem Bildungshaus arbeiten, im Mittel weniger belastet und sind zufriedener mit ihrer Arbeit als Fach- und Lehrkräfte in Ver-gleichseinrichtungen. Im Laufe der Jahre nimmt die Arbeitszufriedenheit in den Bildungshäusern sogar noch zu, die Fach- und Lehrkräfte haben stärker das Gefühl im Rahmen ihrer Arbeit etwas bewirken zu können und fühlen sich weniger kontrolliert als Fach- und Lehrkräfte in den Vergleichseinrichtungen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die zusätzlichen Personalstunden, die Kultusministerium und Kinder-gartenträger für die Bildungshausarbeit gewähren, sich positiv auf die Einschätzung der Arbeitssituation durch die pädagogischen Fachkräfte und Lehrkräfte auswirken. Die Frage, ob zusätzliche Deputatsstun-den bzw. Personalmittel nötig sind, ist anhand der quantitativen Analysen nicht zu beantworten. Die quali-tative Analyse der Prozessdokumentation hat allerdings Schlüsselthemen aufgedeckt, deren Bearbeitung für eine gelingende Kooperation grundlegend ist (siehe nächster Abschnitt). Für diese Bearbeitung müs-sen zeitliche Ressourcen verfügbar sein.

4. Was ist auf dem Weg hin zu intensivierter Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule zu beachten?

Die Bildungshäuser haben Pionierarbeit geleistet und sich auf den Weg zur intensiven Kooperation gemacht. Aus der Dokumentation der Entwicklungsprozesse konnten Schlüsselthemen für eine gelingende Kooperation abgeleitet werden. Diese gelten nicht nur für die Arbeit im Bildungshaus sondern lassen sich auf interinstitutionelle Kooperation im Allgemeinen übertragen. Zu den Schlüsselthemen für die Zusammenarbeit gehören beispielsweise Verbindlichkeit als die Basis für die gemeinsame Arbeit, die Berücksichtigung der pädagogischen Ausrichtung der beteiligten Institutionen und der standortspezifischen Besonderheiten, die Klärung von Verantwortlichkeiten usw. (Koslowski, Constanze (2015). Kindergarten und Grundschule auf dem Weg zur Intensivkooperation. Beltz Verlag).  Für das Gelingen der Kooperation zwischen Fachkräften aus dem Kindergarten und Lehrkräften aus der Grundschule reicht die vielzitierte „Kooperation auf Augenhöhe“ nicht aus. Vielmehr bedürfen die vielfältigen Aufgaben einer fachlichen Begleitung, die Teamprozesse und die Entwicklung neuer Strukturen unterstützt. Es braucht einen zuverlässigen Rückhalt z.B. durch Träger und Eltern sowie ausreichend zeitliche und personelle Ressourcen.

5. Verändert sich die Qualität im „Bildungshaus 3 – 10“?

In den gemeinsamen, institutionsübergreifenden Bildungshausaktivitäten verbessert sich die Qualität mit zunehmender Erfahrung und erreicht in den verschiedenen Bereichen gute bis sehr gute Werte. Zu den untersuchten Qualitätsmerkmalen gehören die Berücksichtigung der Heterogenität von Alter und Leistungsfähigkeit der Kinder, die individuelle Unterstützung durch die pädagogischen Fach- und Lehr-kräfte, aber auch die Ermutigung zu gegenseitiger Unterstützung und Freiraum für eigenes Ausprobieren.

6. Wie beurteilen Eltern das „Bildungshaus 3 – 10“?

Die Eltern der Kindergartenkinder sind hoch zufrieden. Es gibt im Kindergarten keine Unterschiede zwi-schen Bildungshäusern und Vergleichseinrichtungen. Ein Effekt des „Bildungshaus 3 – 10“ zeigt sich aber in den Grundschulen. Die Eltern von Bildungshauskindern sind zufriedener mit der Arbeit der Grundschu-len. Zum ersten Erhebungszeitpunkt (2011) zeigte sich die höhere Zufriedenheit nur bei den Eltern der Erstklässler. Bei der letzten Befragung (2014) war der Effekt über alle Klassenstufen hinweg zu sehen.

7. Welche Chancen eröffnet eine Intensivkooperation wie das „Bildungshaus 3 – 10“?

Eine gemeinsame Arbeit von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen wie Bildungshaus eröffnet Chancen, die ohne eine intensive Kooperation nicht denkbar wären. Die Lernumwelt der Kinder wird durch institutionsübergreifende Angebote erweitert und die Kinder können von den gemeinsamen Aktivitäten mit anderen Altersgruppen profitieren. Lehr- und Fachkräfte können z.B. die Arbeit und das pädagogische Handeln der jeweils anderen Berufsgruppe kennenlernen. Hier können Ideen zur Weiter¬ent¬wicklung der pädagogischen Qualität auch innerhalb der eigenen Einrichtung entstehen. Darüber hinaus gestalten im Bildungshaus Schule und Kindergarten die Zusammenarbeit mit den Eltern gemein-sam. Eine solche gemeinsame Elternarbeit kann Eltern besonders in der Phase der Einschulung Sicher-heit geben. Sie sind dadurch gut über beide Institutionen informiert, können Sorgen oder Ängste direkt ansprechen. Nicht zuletzt bereichert und erweitert eine gute Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und Grundschule das pädagogische Angebot einer Gemeinde oder eines Stadtteils.
Hervorzuheben ist, dass nicht jeder Bildungshaus-Modellstandort sämtliche Chancen nutzen kann. Je nach Schwerpunktsetzung, pädagogischen Zielen, standortspezifischen Möglichkeiten und Bedarfen der Kinder ergeben sich unterschiedliche Gewinne.

Danksagung

Zu allererst möchten wir den pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften, den Schul- und Kindergarten-leitungen danken, die sich auf den Weg gemacht haben das „Bildungshaus 3 – 10“ in der Praxis umzu-setzen. Ebenso gilt unser Dank den Schulen und Kindergärten, die bereit waren sich als Vergleichs-einrichtungen an den Erhebungen zu beteiligen. Allen Kindern, Eltern, pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften sowie Schul- und Kindergartenleitungen danken wir für ihre Teilnahme an den Datenerhe-bungen. Ohne sie wären die hier beschriebenen Ergebnisse nicht möglich gewesen.
Der besondere Dank der Forschungsgruppe gilt dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, das die aufwändige Längsschnittstudie über sieben Jahre gefördert hat und so eine ungewöhnlich umfassen-de Evaluation ermöglicht hat. Dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport ist zu danken, welches das „Bildungshaus 3 – 10“ ins Leben gerufen und neben den Bildungshäusern auch die Vergleichsschulen mit zusätzlichen Personalstunden unterstützt hat. Auch danken wir den Trägern der Kindergärten, die das „Bildungshaus 3 – 10“ mit zusätzlichen Personalmitteln unterstützt haben.

Förderung

Die „Wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojekts ‚Bildungshaus 3 – 10‘“ wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union unter dem Förderkennzeichen 01NVB85031 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei der Autorin.

Kontaktdaten

Dr. Petra Arndt
Projektleitung
ZNL TransferZentrum
für Neurowissenschaften und Lernen

Universität Ulm
Parkstr. 11 | D-89073 Ulm
E-Mail: petra.arndt [AT] znl-ulm.de
 

Die ausführliche Darstellung dieser und weiterer Ergebnisse ist im Budrich-Verlag erscheinen:

Arndt  & Kipp (Hrsg.) (2016): Bildungshaus 3-10: Intensivkooperation und ihre Wirkung - Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung

Koslowski & Arndt (2016): Bildungshaus 3 -10: Bedingungen und Prozesse - Entwicklung und Ergebnisse einer gegenstandsangemessenen Strategie begleitender qualitativer Forschung